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Detailinformation

Primär­versorgungs­einheiten

Eine Primärversorgungseinheit (PVE) ist „…die allgemeine und direkt zugängliche erste Kontaktstelle für alle Menschen mit gesundheitlichen Problemen im Sinne einer umfassenden Grundversorgung. Sie soll den Versorgungsprozess koordinieren und gewährleistet ganzheitliche und kontinuierliche Betreuung. Sie berücksichtigt auch gesellschaftliche Bedingungen.“  

(Quelle: 15a-Vereinbarung zur Organisation und Finanzierung im Gesundheitswesen – Begriffsbestimmung, Artikel 3.9)

Berufsgruppen in einer PVE

ÄrztInnen und andere Gesundheits- und Sozialberufe in einer PVE

In der neuen Primärversorgung sind zum ersten Mal in institutionalisierter Form ÄrztInnen und weitere Gesundheits- und Sozialberufe unter einem Dach oder in einem Netzwerk vereint.

Im Kernteam der Primärversorgungseinheit (PVE) arbeiten mindestens drei ÄrztInnen der Allgemeinmedizin mit Angehörigen der Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege zusammen. Dies wird ergänzt durch OrdinationsassistentInnen, sowie allenfalls einer Fachärztin bzw. eines Facharztes für Kinder- und Jugendheilkunde.

Orts- und bedarfsabhängig können weitere Gesundheitsberufe verbindlich und strukturiert hinzugezogen werden, im Sinne eines „erweiterten Teams“. Diese Berufsgruppen können u.a. umfassen: Hebammenhilfe, klinische Psychologie, Psychotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Diätologie sowie Sozialarbeit.

Kernteam



Zusätzlich kann es, je nach Größe und Bedarf, einen PV-Manager geben, der bei der Gründung unterstützt und im Tagesgeschäft Managementtätigkeiten, wie z.B. Personaleinsatzplanung, in einer PVE übernimmt. Die Finanzierung eines PV-Managers ist mit dem jeweiligen zuständigen Krankenversicherungsträger zu vereinbaren (Honorierung). Selbstverständlich soll auch eine Zusammenarbeit mit den umliegenden Gesundheitsstrukturen und -partnern bestehen.

Zentrum und Netzwerk 

Organisationsformen einer PVE

Eine Primärversorgungseinrichtung kann als Zentrum gegründet werden. Hierbei arbeiten alle Gesundheits- und Sozialberufe unter einem Dach, was eine besonders enge Zusammenarbeit fördert: Die Abstimmungs- und Kommunikationswege sind kürzer, Teamarbeit und Delegation wird einfacher möglich. Die PatientInnen erhalten alle Behandlungen an einem Ort und haben bei Bedarf auch eine Vertretung des Hausarztes direkt vor Ort. 

Als Organisationforms für ein Primärversorgungszentrum (=PVZ) kommt  eine Ärzte-Gruppenpraxis in Frage, deren GesellschafterInnen ÄrztInnen sein müssen. Diese Gruppenpraxis kann als Offene Gesellschaft oder als GmbH gegründet werden. Als Alternative kann ein PVZ auch als selbständiges Ambulatorium betrieben werden, jedoch wird die Möglichkeit, sich als Gesellschafter bzw. Gesellschafterin an einen solchem selbstständigen Ambulatorium zu beteiligen, auf gemeinnützige Anbieter gesundheitlicher oder sozialer Dienste, gesetzliche Krankenversicherungsträger und Gebietskörprschaften (Gemeinden, Gemeindeverbände) eingeschränkt.



PVE Zentrum

Nicht jeder Arzt bzw. Ärztin möchte diese gemeinsame Lösung unter einem Dach. Oft gibt es bereits eigene Ordinationen und die Erreichbarkeit bei einem Zentrum ist für PatientInnen am Land eventuell schwieriger, weil die Wege länger werden. Für diese Fälle gibt es die Möglichkeit eines Netzwerks: Hier wird auf mehreren, unterschiedlichen Standorten strukturiert gemeinsam gearbeitet und man tritt nach außen ebenfalls als Einheit auf.

Netzwerke können von freiberuflich tätigen ÄrztInnen, Gruppenpraxen sowie anderen Angehörigen von Gesundheits- und Sozialberufen oder deren Trägerorganisationen gebildet werden. Als Organisationsformen steht die dislozierte Ärzte-Gruppenpraxen in der Rechtsform einer OG und GmbH, sowie z.B. Vereins- und Genossenschaftslösungen zur Verfügung.

PVE Netzwerk

Wichtig ist, dass jede Primärversorgungseinrichtung, sei es als Zentrum oder als Netzwerk, zwingend eine eigene Rechtspersönlichkeit aufweisen muss und daher nur entsprechende Rechtsformen für die PVE in Betracht kommen. Weiters muss jede PVE in den Regionalen Strukturplan Gesundheit (RSG) des entsprechenden Bundeslandes abgebildet sein.

Charakteristika einer PVE

Eine PVE hat – basierend auf den gesetzlichen Bestimmungen des § 4 des PrimVG – folgende Anforderungen zu erfüllen: 

  • wohnortnahe Versorgung sowie gute verkehrsmäßige Erreichbarkeit
  • bedarfsgerechte Öffnungszeiten mit ärztlicher Anwesenheit jedenfalls von Montag bis Freitag einschließlich der Tagesrandzeiten
  • Organisation der Erreichbarkeit für Akutfälle auch außerhalb der Öffnungszeiten
  • Einbindung von vorhandenen telemedizinischen, telefon- und internetbasierten Diensten
  • Gewährleistung von Hausbesuchen
  • Sicherstellung der Kontinuität in der Behandlung und Betreuung – auch durch Zusammenarbeit mit anderen Versorgungsbereichen – von chronisch kranken und multimorbiden PatientInnen sowie PalliativpatientInnen
  • barrierefreier Zugang und bedarfsgerechte Sprachdienstleistung
  • ausreichende (medizin-)technische und apparative Ausstattung
  • Teilnahme an Vorsorge- und Screeningprogrammen

Eine PVE hat entsprechend breite diagnostische, therapeutische und pflegerische Kernkompetenzen aufzuweisen und dies insbesondere für folgende PatientInnengruppen bzw. Aufgaben:

Versorgung von Kindern und Jugendlichen; älteren Personen; chronisch kranken und multimorbiden PatientInnen; psychosozialer Versorgung; Arzneimittelmanagement; Gesundheitsförderung und Prävention.

Charakteristika Jedenfalls hat eine PVE in ihrem Leistungsumfang zu gewährleisten, dass möglichst abschließende Akutbehandlungen (abhängig vom Schweregrad) sowie Langzeittherapien bei chronischen Erkrankungen durchgeführt werden.

Versorgungsauftrag

Ein klarer Paradigmenwechsel kommt hier zum Tragen – auch ein Vorteil für Sie als Arzt bzw. als Ärztin! Es wird hier zum ersten Mal ein sogenannter ‚Versorgungsauftrag‘ definiert, d.h. es gibt ein definiertes Aufgabenspektrum, das von einer PVE erbracht werden muss. Dieses basiert auf bundesweiten Vorgaben und wird ergänzt durch regionale PVE-spezifische Aufgaben, entsprechend den bevölkerungsrelevanten Besonderheiten der Region. 


Ein breites Spektrum an Aufgaben wird in jeder PVE erbracht – vom Neusiedlersee zum Bodensee.

Diese Basisaufgaben umfassen die folgenden Bereiche: 

  • Ambulante Grundversorgung und Verlaufskontrolle bei Akutfällen allgemein
  • Akutversorgung und Verlaufskontrolle bei komplexen Fällen
  • Langzeitversorgung chronisch Kranker und multimorbider PatientInnen
  • Besondere Versorgungsanforderungen bei Menschen mit psychischen Störungen
  • Besondere Versorgungsanforderungen bei Kindern und Jugendlichen
  • Besondere Versorgungsanforderungen bei alten Menschen
  • Rehabilitative Therapie
  • Palliativversorgung
  • Prävention & Gesundheitsförderung
  • Familienplanung und Schwangerschaftsberatung


Spezielle Aufgaben gehen über das (Basis)-Aufgabenspektrum hinaus und erfordern zusätzliche Qualifikationen bzw. Infratsruktur. Diese Aufgaben sind nach den regionalen Erfordernissen des PVE auf Bundeslandebene in den Versorgungsaufträgen festzulegen.

Diese speziellen Aufgaben können umfassen:

  • Öffentliche Gesundheitsaufgaben
  • Substitutionstherapie
  • Traumatologische Basisversorgung
  • Basischirurgie und Nachsorge nach Operationen
  • Kardiologie Diagnostik
  • Pulmologische Diagnostik
  • Behandlung chronischer Wunden
  • Sonographische Diagnostik
  • Physikalische Therapie
  • Ernährungsberatung

Darüber hinaus sind diverse organisatorische Aufgaben und die Lotsenfunktion für die PatientInnen durch das Gesundheitssystem ebenfalls wichtige Aufgaben einer PVE. Als erste Anlaufstelle im Gesundheitswesen ist es eine zentrale Aufgabe der PVE, die PatientInnen kontinuierlich zu betreuen und Ihnen den Weg durch das Gesundheitssystem zu erleichtern. Hierzu zählen Aufgaben wie: 


  • Planung, Koordination und Monitoring des erforderlichen Versorgungsprozesses
  • Organisiertes Weiterleiten an weitere/geeignete Versorgungseinrichtungen (inkl. Zuweisung)
  • Mitwirkung am Aufnahme- und Entlassungsmanagement (Nahtstellenmanagement)
  • Kooperation & Koordination der Gesundheits- und Sozialberufe inkl. Abstimmung der zeitlichen und örtlichen Verfügbarkeit
  • Vernetzung mit anderen VersorgungspartnerInnen
  • Informationsaustausch durch standardisierte Dokumentation und Kommunikation inkl. Team- und Fallbesprechung
  • Telefonberatung entsprechend den rechtlichen Rahmenbedingungen


sowie die administrative Aufgaben zur Unterstützung der Lotsenfunktion

  • Verwaltung, Organisation & Wartezeitenmanagement; und wenn möglich Führen von Erinnerungssystemen
  • Terminorganisation bei Weiterleitung an andere Versorgungseinrichtungen, entsprechend der Dringlichkeit und dem Bedarf
  • Erheben, Nutzen und Bereitstellen von Daten und Informationen für den/die jeweilig erforderlichen VersorgungspartnerInnen unter Berücksichtigung des Datenschutzes
  • Elektronische, multiprofessionell zu nutzende PatientInnendokumentation unter Berücksichtigung des Datenschutzes (z.B. Zugangsberechtigungen)

Team Besprechung

Das breite Aufgabenspektrum erfordert eine enge Zusammenarbeit der unterschiedlichen Disziplinen.

Honorierung

Mit der teambasierten Primärversorgung soll auch die Honorierung neu organisiert werden, denn selbstverständlich sollen die neuen Aufgaben der PVE auch entsprechend honoriert werden. 

Das angedachte neue Honorierungsmodell führt die PVE weg von der bisherigen, administrativ aufwendigen Einzelleistungshonorierung, hin zu einer vermehrt pauschalierten Honorierung, die genügend Zeit für die PatientInnen ermöglicht, aber auch unternehmerischen Freiraum gewährt.

 Die neue Honorierung soll u.a.  

  • eine qualitativ hochwertige Versorgung sicherstellen
  • die Schaffung von gesicherten finanziellen Rahmenbedingungen für die PVE gewährleisten, um die Erfüllung der Versorgungsaufträge zu ermöglichen
  • die Förderung von Maßnahmen der Gesundheitsförderung, Prävention und auch der Gesundheitskompetenz der Patienten ermöglichen
  • ein faires Verhältnis zwischen erbrachter Leistung und Honorierung darstellen
  • ausreichend Zeit für angemessene Behandlungen der PatientInnen durch die relevanten Berufsgruppen im PVE ermöglichen
  • einen möglichst geringen administrativen Aufwand bei der Abrechnung mit sich bringen
  • die Teamarbeit in einer PVE fördern
  • einen Anreiz zur Delegation an die weiteren Berufe (neben ÄrztInnen) in der PVE schaffen.

Folgende Komponenten der Honorierung können grundsätzlich vorkommen (§342b Abs.3 ASVG). Die genaue Höhe und Zusammensetzung sind – basierend auf den Eckpunkten des Gesamtvertrags – regional zu vereinbaren.





















Honorierungsebenen


Versorgungskonzept für ein PVE 

Das Versorgungskonzept – eine Art ‚Businessplan‘ aus medizinischer und organisatorischer Sicht!

Das Versorgungskonzept ist von jeder PVE bei der Gründung zu erstellen. Es beschreibt im Wesentlichen die Arbeitsweise und den Leistungsumfang der PVE. Im Detail:


Laut § 6 des Primärversorgungsgesetzes hat jede Primärversorgungseinheit über ein Versorgungskonzept zu verfügen. In diesem sind insbesondere Fragestellungen betreffend des Leistungsangebots und der Organisation darzulegen.

Bezüglich des Leistungsangebots gilt es die Versorgungsziele des Primärversorgungsteams zu regeln, das verbindlich zu erbringende Leistungsspektrum zu beschreiben, sowie Regelungen zur Sicherstellung der Kontinuität der Betreuung von chronisch und multimorbid Erkrankten zu treffen.

Bezüglich der Organisation sind Regelungen zur Aufbau- und Ablauforganisation im Primärversorgungsteam und in der Zusammenarbeit mit anderen Versorgungsbereichen, zur Arbeits- und Aufgabenverteilung und zur Zusammenarbeit im Primärversorgungsteam zu treffen. Außerdem gilt es die zeitlichen Verfügbarkeiten (Anwesenheit, Rufbereitschaft, Vertretungsregeln) und örtlichen Erreichbarkeiten, insbesondere bei mehreren Standorten, aufeinander abzustimmen sowie einen gemeinsamen Auftritt nach außen festzulegen.

Außerdem sind laut §6 wesentliche Änderungen des Versorgungskonzeptes – soweit sie nicht zu vereinbaren sind – den jeweils zuständigen Krankenversicherungsträgern anzuzeigen.

Ein weiteres Ziel, welches man durch die Versorgungskonzepte versucht zu erreichen, ist jenes, dass Sie als PVE-BewerberInnen sich genau mit dem Vorhaben der Gründung einer PVE beschäftigen und anhand des Konzepts Schritt für Schritt angeleitet und dafür sensibilisiert werden, welche Punkte bei der Gründung einer PVE zu beachten und von Bedeutung sind. Es sollen hierdurch realistischere Erwartungen generiert und ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, welche Ziele durch die Errichtung einer PVE erreicht werden sollen. Die einheitliche und obligatorische Befüllung der Konzepte durch die BewerberInnen ermöglicht dem Träger außerdem eine bessere Vergleichbarkeit der Bewerbungen.

Ein Tipp aus der Praxis:
Es hat sich gezeigt, dass die Qualität des Versorgungskonzepts und der möglichen anschließenden Umsetzung umso besser gelingt, umso früher auch Berufsgruppen außerhalb der Ärzteschaft in die Erstellung mit eingebunden werden.



Weitere Informationen erhalten Sie bei Ihren regionalen Kontakten.

Vorlagen für Versorgungskonzepte:

 linkDownload Vorlage Versorgungskonzept (1.4 MB)

linkGÖG - Gesundheit Österreich GmbH


Behandlungspfade

Folgende Behandlungspfade wurden durch die Medizinische Universität Graz im Auftrag des Hauptverbands der österreichischen Sozialversischerungsträger erstellt und können zur Unterstützung Ihrer Arbeit (nicht nur) in einem PVE herangezogen werden:


Behandlungspfad Übergewicht & Adipositas

Behandlungspfad Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) auf Primärversorgungsebene

Behandlungspfad Nicht-spezifischer Rückenschmerz auf Primärversorgungsebene

Vertragsregime und Auswahlverfahren

Neben den relevanten gesetzlichen Bestimmungen, insbesondere das Primärversorgungsgesetz, bildet folgendes Vertragsregime die Basis für die Arbeit als Arzt bzw. Ärztin in einer PVE, sofern es sich nicht um eine Primärversorgungseinheit handelt, die als selbständiges Ambulatorium gegründet werden soll:


1. Ein bundesweit einheitlicher Gesamtvertrag zur Primärversorgung wird zwischen dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger für die Krankenversicherungsträger und der österreichischen Ärztekammer für die Landesärztekammern abgeschlossen und beinhaltet die Eckpunkte der Primärversorgungseinheiten:

  • Mindestleistungsspektrum
  • Grundsätze der Vergütung 
  • Rechte und Pflichten der Vertragspartner 
  • Auswahl der VertragsärztInnen
  • Sicherstellung einer wirtschaftlichen Behandlung und Verschreibweise

Dieser Vertrag soll Ende des Jahres 2018 abgeschlossen werden.


2. Darauf aufbauend werden auf Bundeslandebene zwischen dem Krankversicherungsträger und der örtlich zuständigen Ärztekammer regionale und detaillierte Vereinbarungen wie z.B. über die Honorierung getroffen.

 

3. Nach Abschluss des bundesweit einheitlichen Gesamtvertrages und den entsprechenden regionalen Honorarvereinbarungen können Primärversorgungseinzelverträge für eine PVE vergeben werden - jeweils auf Bundeslandebene. Bei Netzwerken in Form von Vereinen und Genossenschaften können die einzelnen ÄrztInnen außerdem einen Einzelvertrag erhalten. Weitere Informationen dazu erhalten Sie bei Ihren regionalen Kontakten.

 

Auswahlverfahren

Die Auswahl zur Invertragnahme ist ein zweistufiges Verfahren, das sich in einem ersten Schritt an die bestehenden VertragsärztInnen und Gruppenpraxis der Allgemeinmedizin wendet. Die regional zuständige Gebietskrankenkasse lädt diese entsprechend zur Bewerbung für die PVE ein. Abhängig von den Planungsvorgaben können im Zuge dieser Einladung weitere Ärzte bzw. Ärztinnen zur Bewerbung hinzu eingeladen werden.

Sollten  innerhalb eines Zeitraums von einem halben Jahr keine geeigneten Bewerbungen vorliegen, so kann die Einladung zur Bewerbung für die PVE über diesen Personenkreis hinaus erfolgen.

Weitere Informationen dazu erhalten Sie bei Ihren regionalen Kontakten.